Es muss sie gegeben haben
Doch die Erinnerung daran ist erloschen
Es muss sie doch gegeben haben, diese Tage, an denen es kalt und nass und ungemütlich war.
Aber in ihrer Erinnerung waren die Tage gefüllt mit Sonnenschein und Wärme. Selbst die vereinzelten Wolkenbrüche, an die sie sich erinnerte, waren warm, regnete es doch anscheinend nur im Mai während der Gewitter, die sanftes Fürchten hervorriefen, das sich in der Sicherheit der gemütlichen Küche so gut genießen ließ. Wenn der Donner zu einem leisen Grummeln am Horizont geworden war, dann lief sie hinaus, um noch die letzten Tropfen des lauen Regens auf ihrer Haut zu spüren, sich darin zu drehen, um wie Blumen und Gras zu wachsen.
Es muss sie gegeben haben, die Tage mit Graupel, Nieselregen und kräftigen Schauern. Mit Temperaturen, die knapp über dem Gefrierpunkt lagen.
Sie erinnert sich nur an ihre kleine Holzbank mit dem Tischchen neben dem Herd. Sie spürt die Wärme des weißen Emails, sieht das Funkeln von Messing und Kupfer. Sie spürt den warmen Wiederschein der Flamme auf ihrer Haut, wenn die Ofentür geöffnet wird, um mit Briketts und Holz das Feuer zu füttern. Der kräftige, leicht beißende Duft von luftdünnem Rauch kitzelt ihre Nase beim Spiel.
Das Zischen des Eisens, wenn es heiß die feuchte Wäsche berührt. Der Schatten der Mutter, da, doch nicht gegenwärtig. Die leise Stimme im Hintergrund, die die so geliebten, traurigen Küchenlieder singt von Mariechen im Gras und dem Wanderer, der müde in seine Heimat zurückkehrt. Traurige, einfache Melodien, die die Reise ihrer Fantasie begleiten.
Es muss sie wirklich gegeben haben, die Tage, an denen die Kinder sich nicht in der lauen Dämmerung der Sommerabende zu einem letzten Spiel trafen, während die Mütter vor den Türen sich im Austausch der letzten Neuigkeiten von den Strapazen des Tages erholten.
„Mutter, wie weit darf ich reisen?“ Die Reisen waren begrenzt von der anderen Straßenseite. Aber wie weit war diese Welt, in der Autos noch nicht existierten. Eine Welt, in der ihnen die Straße gehörte zum Rollschuhlaufen, zum Rennen und Roller fahren. Wo die alte Fabrik um die Ecke viele verborgene Winkel bot, in denen die Räuber nach der Entführung der unschuldigen Frauen immer durch mutige Gendarmen ihr wohlverdientes Ende fanden. Wo Indianer in den Gräsern und Büschen der zerstörten Gärtnerei die Cowboys verfolgten und sie in den Höhlen ehemaliger, im Boden versenkter Treibhäuser auf einen Tod am Marterpfahl vorbereiteten.
Dort reisten sie, in all den hellen Sommertagen bis weit in die Dämmerung hinein, auf den Wellen ihrer Fantasie, bis der Ruf der Mütter sie zurück nach Hause holte.
Es muss auch graue Tage gegeben haben, damals als sie die Welt um sich herum entdeckte.
Das kleine Häuschen gegenüber war nicht nur bemalt mit goldenen Kringeln, wenn die Sonne durch die Blätter der Buchen drang, die das Häuschen umgaben.
Nicht immer hat sie den Weg dorthin betreten unter dem Bogen mit weiß-rosa Rosen, um aus faltigen, alten Händen die ersten Erdbeeren, rotbackige Äpfel oder eine Handvoll Bucheckern zu empfangen. Doch seither liebt sie den Duft und den Anblick von Rosen, solange sie weiß und rosa in jeder Schattierung sind.
Es muss kalte ungemütliche Tage gegeben haben, die sie im Kerzenschein im Zimmer ihrer Großmutter verbrachte, umgeben vom Duft nach Kampfer, Lavendel und Melissengeist.
Tage, die sie damit verbrachte, den Geschichten zu lauschen aus einer anderen Zeit, in der die Kinder bereits arbeiten mussten. Aus einem anderen Land, in dem die Großmutter eine Fremde war. Von einer Sprache, die sie nicht verstand und die doch die Sprache ihrer Familie gewesen ist. Sie hört die Geschichte der Großmutter, die das Land verließ, das sie nicht wollte, um in dem Land ihrer Ahnen als Fremde Heimat zu finden.
Es muss sie gegeben haben, die Winter voll Kälte, die dem Vater die Arbeit, der Familie das Einkommen nahmen.
Sie erinnert sich an ernste Gesichter über den Tisch gebeugt, auf dem die Groschen in Reih und Glied lagen. Sie erinnert sich an Seufzen und Blicke zwischen den Eltern, die sie nicht verstand. Sie sieht ihren Vater vor sich im Schnee, wie er ihren Schlitten zog, umgeben vom strahlenden Blau des Winterhimmels. Sie fühlt seine warme Hand, die sie hält, als sie zusammen den Hügel hinunter schlittern, um glücklich und lachend an den Mittagstisch zu eilen. Kartoffel und Kompott vom Fallobst aus dem Garten, vielleicht einmal ein Ei von Nachbars Huhn. Selten schmeckte es so gut wie an den Tagen in Vaters Gesellschaft. Noch heute sieht sie bei Kartoffeln mit Kompott die Sonnenstrahlen auf dem Tisch, hört das Lachen ihres Vaters, wenn sie ihn drängte, gleich wieder mit dem Schlitten zu fahren.
Es können nicht nur schöne, sonnige Tage gewesen sein.
Und doch sieht sie sich immer im Licht der untergehenden Sonne den Raum unter ihrem Bett und zwischen Tür und Schrank kontrollieren, um sicher zu sein, dass nichts Böses ihren Schlaf stören kann. Dann liegt sie in ihrem Bett, betrachtet die letzten, zerbrechlichen goldenen Sonnenstrahlen, die ihren Weg durch die Jalousien finden. Sie lassen sie zarten Farben der Tapeten in ihrem Zimmer noch einmal leuchten, geben den Rosen darauf einen sanften, rotgoldenen Schimmer. Und tragen sie hinweg ins Reich der Träume.
Es muss sie gegeben habe, die trüben, nebligen Tage. Aber sie erinnert sich nicht mehr.

Geburtsjahr: 1954
Aufgewachsen in: Viersen
Bildquelle: www.pixelio.de / MarMar
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