Meine Mutter hatte schon des öfteren den Verdacht geäußert, dass ich schlecht sehen würde. Es war mir bisher immer wieder gelungen diese Vermutung zu entkräften,obwohl ich selbst schon ahnte, dass ich wahrscheinlich eine Brille brauche.
Am zweiten Adventssonntag besuchten wir meine Tante. Meine Mutter und meine Tante sind beide kurzsichtig. Meine Tante zeigte uns voller Stolz ihre neue Brille und erwähnte nebenbei, dass meine Cousine nun auch eine Brille bekäme. Sie hatte sich sogar schon eine Brille ausgesucht und war richtig gespannt, wie sie mit ihrer Brille sehen und aussehen würde.
Darauf fiel meiner Mutter ein, dass ihr letzter Besuch beim Augenarzt nun auch schon einige Zeit her war. In diesem Zusammenhang kam ihr der Gedanke, auch für mich einen Termin zu machen, denn es könnte auch bei mir” soweit” sein.
Ich ahnte das Ergebnis ja schon voraus und betonte nochmals, dass ich auf gar keinen Fall eine Brille will. Aber diesmal half alles Bitten und Betteln nichts.
Schließlich meinte meine Tante;”Heute haben doch so viele Kinder eine Brille. Außerdem ist es doch nicht schlimm wenn man eine Brille tragen muss und Susanne wird ja nun auch Brillenträgerin. Am Weihnachten habt ihr dann beide euer Nasenfahrrad!”
Ich fragte noch nach der Möglichkeit, die Brille vielleicht nicht immer tragen zu müssen, aber auch da machte man mir wenig Hoffnung. “So wie es aussieht seid ihr wohl beide kurzsichtig und Kurzsichtige müssen ihre Brille immer aufhaben. Aber daran gewöhnt man sich.” erklärte meine Mutter.” Außerdem gehört eine Brille auf die Nase und nicht ins Etui, denn da nützt sie nichts.” ergänzte meine Tante.
Der Termin beim Augenarzt fand am Montag nach dem dritten Advent statt und das Ergebnis war wie bereits erwartet. Ich brauchte dringend eine Brille und auch bei meiner Mutter hatte sich die Stärke der Gläser verändert.
In den nächsten Tagen suchten wir uns unsere Brillen aus. Ich durfte mir die Brille aussuchen, die mir am besten gefiel, ohne auf den Preis achten zu müssen. Mit dem Ergebnis war ich eigentlich ganz zufrieden und fand es nun gar nicht mehr so schlimm, bald eine Brille aufzuhaben.
Trotzdem hatte ich immer noch Angst davor, wegen der Brille geärgert zu werden. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie in der Schule Leute als “Brillenschlange” oder so gehänselt worden waren, wenn sie eine Brille bekommen hatten. Das wollte ich nicht erleben. Insgeheim hoffte ich auch, dass die Brille zumindest nicht vor Weihnachten fertig werden würde.
Aber auch daraus wurde nichts. Am Tag als die Weihnachtsferien anfingen war die Schule nach drei Stunden vorbei. Meine Mutter nahm mich gleich in Empfang und erklärte mir: “Heute wirst Du Brillenträger! Unsere Brillen sind fertig und wir können sie jetzt abholen. Am besten lässt Du die Brille gleich auf, dann gewöhnst Du Dich schnell an sie. Du musst sie ja nun immer tragen.”
Als ich dann die Brille endlich aufhatte war ich begeistert. Alles war viel klarer und auch die Farben wirkten kräftiger.Auch fand ich meinen Anblick im Spiegel zwar ungewohnt, aber akzeptabel. Nachdem ich mich zufrieden mit dem Sehen gezeigt hatte meinte meine Mutter: “Gell,damit sieht man besser!”
Kurz bevor wir nach Hause kamen, begegneten wir einer Nachbarin. Wir wechselten ein paar Worte und dann sagte die Nachbarin völlig unvermittelt: “Sag mal, Du brauchst ja auch schon eine Brille. Aber die Brille steht Dir richtig gut. Damit kannst Du Dich wirklich sehen lassen!”
Ich war darüber hoch erfreut und war zum ersten mal froh, dass ich meine Brille aufhatte. Auch zu Hause ließ ich die Brille ganz selbstverständlich auf, weil ich das Sehen als viel entspannter und angenehmer emfand. Am späten Nachmittag kllingelte mein Freund und fragte, ob er reinkommen könnte. Er sagte gar nichts zu meiner Brille, sondern es war alles wie immer, nur dass ich jetzt besser sehen konnte. Erst viel später sollte er mich dann mal nach meiner Brille fragen.
An Weihnachten fuhren wir wieder zu meiner Tante. Meine Cousine hatte nun auch ihre Brille bekommen und trug sie schon ein paar Tage länger. Sie wollte unbedingt mal durch meine Brille schauen und war erstaunt, dass meine Gläser doch etwas stärker als ihre waren. “Da bist Du bestimmt froh, dass Du die Brille immer tragen kannst. Noch ein paar Tage und Du merkst sie kaum noch. Ich habe mich auch schon ein wenig an meine Brille gewöhnt. Spätestens am Neujahr bist auch Du eine richtige Brillenschlange! Außerdem steht Dir die Brille wirklich gut. Ich bin mit meiner nicht unzufrieden, aber Du hast wirklich ein Brillengesicht.”
Wegen der “Brillenschlange” konnte ich ihr in diesem Zusammenhang nicht böse sein und so verbrachte ich 1973 die erste Weihnachten mit Brille.
Nach den Ferien hatte ich mich weitgehend an meine Brille gewöhnt und setzte sie ganz selbstverständlich immer auf. Inzwischen hatten mich auch schon so viele Leute mit Brille gesehen, dass es keine Sensation mehr war, als ich mit Brille wieder in die Schule kam. Im übrigen ärgerte mich auch niemand wegen meiner Brille. Es gab zwar ein paar Fragen, aber nach einigen Tagen war es ganz selbstverständlich, dass ich eine Brille aufhatte. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich nicht der erste in der Klasse war, der nun eine Brille trug. Später kamen dann noch ein paar neue Brillenträger hinzu, ohne dass jemand sich darüber groß aufregte.
Wegen meiner Brille hatte ich mich also völlig umsonst aufgeregt.

Geburtsjahr: 1961
Aufgewachsen in: Hessen
Bildquelle: © SilvioP / Pixelio
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21. Januar 2010 um 20:01
Ich bekam meine erste Brille, als ich 21 war. Das war ein Alter, in dem man keine Angst mehr vor Hänseleien hat. Aber ich kann mich auch noch erinnern, wie Kinder besonders in der Grundschule wegen ihrer Brillen gehänselt wurden.