Der Schwarm

Jeans
Wichtigstes Kleidungsstück seinerzeit

Es war in der achten Klasse. Nein, Anfang der neunten.

Auf dem Schulhof gab es klare Hoheitsgrenzen. Hier die Kurzen, die Unterstufe; da die Mittelstufe, also wir und dort, natürlich direkt am Park, mit reichlich Bänken und meist in Qualmwolken gehüllt die Oberstufenklässler.

So mittendrin hatte seine Vorteile. Man konnte die Kleinen ein bisschen ärgern und die Überlegenen raushängen lassen, hatte aber auch die elitären „Ich-bin-bald-hier-raus-Typen“ im Visier.

Ich weiß gar nicht mehr, wo es genau war, dass ich ihn das erste Mal sah. Groß, schlank, schwarzhaarig, tiefbraune Augen hinter schmaler Brille, lässig und schätzungsweise 12. Klasse. Seit dem Moment ging er mir nicht mehr aus dem Kopf und ich verbrachte meine Pausen am Rande von „Da“, möglichst knapp an der Grenze zu den Hoheitsvollen, brachte meine neuesten Wrangler-Jeans gut zur Geltung, indem ich lässig am bronzenen Kunstwerk auf dem Schulhof lehnte und schmiss unverhältnismäßig häufig meine Haare zurück, während ich sichtlich desinteressiert mit meinen Schulfreundinnen die wahnsinnig wichtigsten Geheimnisse des Gymnasiums überhaupt austauschte.

Er würdigte mich keines Blickes. Keines einzigen.

Wir hatten keine Berührungspunkte, keine Mittelstufenfete, bei der man sich hätte näher kommen können. Wir waren nicht im selben Sportverein. Ich rauchte nicht, er rauchte nicht. Nie holte er sich im Schulkiosk auch nur eine Cola, wo man so ganz zufällig hätte aneinander geraten können. Er schien keine Geschwister in der Schule zu haben, über die man an ihn hätte rankommen können. Es war zum Verzweifeln. Ich schwärmte aus der Ferne. Immer wieder und immer weiter.

Ich behielt mein Geheimnis für mich, erzählte nicht einmal meiner besten Freundin von meinem Schwarm. Zu Hause legte ich mich auf mein Bett, beschallte die Nachbarschaft mit „Jeans-On“ von David Dundas, futterte Treets, schaute den winzig kleinen Rauchsäulen der Patschuli-Räucherstäbchen nach und stellte mir vor, wie wir auf seiner Harley in den Sonnenuntergang fuhren, ich mit wehenden Haaren an seine schwarze Motorradjacke geschmiegt, dann Hand in Hand am Strand entlang liefen und uns dabei tief, sehr tief in die Augen schauten.

„It’s the weekend and I know that you’re free.
So put on your jeans and come on out with me.
I need to have you near me. I need to feel you close to me!”

Das Schuljahr verging und auch wenn ich zwischenzeitlich mal in Händen, wenn auch nicht festen, war, ging mein Blick auf dem Schulhof doch immer wieder zu der intellektuellen Erscheinung mit diesem lässigen Blick.

Und irgendwann verschwand mein Schwarm Richtung Uni. Vermutlich. Seinen feingliedrigen Händen nach zu urteilen, würde er gewiss Chirurg werden.

CUT

Früher oder später hatte auch ich mein Abi in der Tasche, ein Jahr Auslandsaufenthalt hinter mir und mich mühsam dazu durchgerungen, dem Ernst des Lebens endlich mal ins Gesicht zu blicken und eine Ausbildung zu beginnen. An meinen Schwarm dachte ich selten, aber ganz vergessen hatte ich ihn nicht.

Es war ein ganz normaler Samstagabend in der Kneipe. Ich steuerte auf die Theke zu. Da saß Axel, drehte sich zu mir um und stellte mir seinen Bekannten vor. Der wandte sich langsam um und nickte ein lässiges Hallo. Mein Schwarm von damals!

Wenn ich auf einem Hocker gesessen hätte, wäre ich rücklings nach hinten gekippt. So aber klammerte ich mich nur an den linken Arm von Axel und verblieb in dieser Stellung. Dies sollte später noch zu ganz falschen Rückschlüssen seitens Axel führen, aber in dem Moment war ich nicht in der Lage auch nur ansatzweise mein Verhalten zu überdenken. Vermutlich brachte ich ein Krächzen zur Begrüßung heraus und erinnere mich noch, dass die beiden Männer den Großteil des Gesprächs bestimmten. Irgendwann zog Axel von dannen, murmelte was von wegen „Extrajob im Getränkemarkt“ und war verschwunden.

Da saßen wir dann alleine und starrten uns an. Er über seine randlose Brille hinweg und ich über mein pochendes Herz direkt in seine Augen. Er gab den schweigsamen Typ. Ich riss mich aus den Tiefen seiner braunen Augen empor und zusammen. Ich musste handeln. Das war jetzt die Chance, auf die ich Jahre gewartet hatte.

Also kam ich auf früher zu sprechen, auf unsere „gemeinsame“ Schulzeit, die Lehrer, die Feten. Er hatte nicht viel dazu zu sagen. Ich quetschte ihn aus, was er in der Zwischenzeit gemacht hatte. Studium Medizin (da lag ich ja richtig) abgebrochen, Jura anvisiert, abgebrochen, jetzt als Rechtsanwaltsgehilfe im Notariat seines Vaters. Vielleicht ‘ne Harley? Nee, Papa’s Auto. Sport? Hin und wieder so ein bisschen. Hobbies? Irgendwie keine. Eigene Wohnung? Nö, Hotel Mama. Ich erzählte ein wenig von Paris und London, von meinem Job, vom letzten Konzert und meiner Orangenkistenbude. Nichts! Ich versuchte es mit einem Witz. Er guckte verständnislos. Es klappte nicht, wir kamen nicht ins Gespräch.

Kein Funke, der übersprang. Kein einziger.

Ich wechselte von Altbierbowle zu Gin Tonic und fühlte mich im Innersten erschüttert. Der Kerl sah nach wie vor fantastisch aus, aber sollte ich mir den jetzt nicht schön, sondern interessant trinken? Auf keinen Fall!

Ich schenkte ihm mein bestes Lächeln und verabschiedete mich mit „War schön mit Dir, all die Jahre!“

Auf dem Weg nach Hause lächelte ich in mich hinein. Der Schwarm meiner Mittelstufenzeit hatte sich als Langweiler entpuppt. Es würden andere kommen. Markante Männer, nicht schön, aber interessant. Und genauso war es auch.



Geburtsjahr: 1963

Aufgewachsen in: Lüdenscheid

Bildquelle: © Maria Lanznaster / Pixelio

Link zum Thema: No-Jeans

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2 Kommentare zu “Der Schwarm”

  1. Songline meint:

    Manchmal ist es eben doch schöner, wenn man die Wahrheit hinter den Träumen nicht erkennt ;-) Schöne Erinnerung!

  2. Flaschengeist meint:

    Vielleicht hättest du es mit Wodka versuchen sollen?
    ;-)
    Ich muss ja jetzt nicht erwähnen, dass ich meine Liebeskummerei auch mit „Jeans on“ und Räucherstäbchen zelebriert habe, nüch?

    Weiber! Egal in welchem Alter ;-)

Kommentar:

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