Die Welt war eingeteilt. Da war der Sohn vom Pastor, der vom Rechtsanwalt. Und dann war ich da: der Sohn des Zimmermanns. Klar: Die Söhne vom Pastor und vom Rechtsanwalt gingen irgendwann auf das Gymnasium, studierten anschließend. Ich? Ich ging weiter auf die Hauptschule. Wenn ich die mit Ach und Krach geschafft hatte, dann bekam ich allenfalls einen prekären Job, wenn überhaupt.

In diesem Sinne habe ich Großhandelskaufmann gelernt. Der Laden machte pleite, als ich beim Bund war. Dann habe ich mich als Reisender versucht. Einfach lachhaft: Da stand ein schüchterner junger Mann irgendwo in der Ecke des Geschäftes und sollte eigentlich für Umsatz sorgen. Danach: Mahner bei einer Kaffeefahrtenfirma. Nicht weil es Spaß machte, sondern weil ich Geld brauchte. Geschämt habe ich mich und ich fand das zu schlicht, irgendwelche Mahnvordrucke auszufüllen. Das sollte es doch nicht gewesen sein für die nächsten 45 Jahre.

71 las ich dann, man konnte Betriebswirt werden. Bedingung: Kaufmännische Ausbildung, zwei Jahre Praxis. Hatte ich. Guckte bei der Bundesagentur wg. Sponsoring, denn ohne Kohle ging es nicht. “Macht man schon”, hat es geheißen, “aber bei Ihrem Werdegang? Fragen sie nochmals in einem Jahr.” Eben: ich war einer von denen da unten. Habe es aber nicht vergessen, war nächstes Jahr wieder da. Na gut, hieß es. Nach Begeisterung klang das alles nicht.
Dann ging es los. Erster Tag: Mathe. Ich konnte die Grundrechenarten, aber Mathe? Zweiter Tag Englisch. Englisch hatte ich in der Schule nach einem halben Jahr mit drei Sechsen abgeschlossen. Eindeutig oder. Am dritten Tag hatte ich eingesehen, dass ich da bei den klugen Menschen nichts zu suchen hatte. Aus, Ende, vorbei!
Dann habe ich den Schulleiter angerufen. Mich mal so richtig…., sie wissen schon. Er hatte einen heißen Spruch: Aufhören ist keine Leistung, sondern Weitermachen. Denn Aufhören ist furchtbar einfach. So einfach war es nicht, wäre es nicht gewesen, irgendwo wieder einen Job zu finden. Also habe ich weitergemacht, Englisch gepaukt, Mathe. In Englisch hat es dann nach zwei Jahren zu einer Vier gereicht, Vier im Wirtschaftsenglisch. Mathe hatte ich eine Zwei. Und ich war wer. Der mit dem zweitbesten Zeugnis der Klasse.

Dann hatte ich Blut geleckt. Habe dann noch studiert, Jura, ohne Abitur und so. Beide Examen abgelegt. Wenn ich mal viel Zeit habe, dann will ich meine Doktorarbeit schreiben. Doktor werden. Wenn ich ihn dann habe, dann werde ich den Doktor nicht im Namen führen. Das wäre angeberisch, als wollte ich andere klein halten. Nicht meine Art zu leben.



Geburtsjahr: 1949

Aufgewachsen in: Bremen

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Ein Kommentar zu “Plötzlich Perspektiven”

  1. KaTo meint:

    Beeindruckend! Klingt ein wenig nach dem amerikanischen Traum: vom Tellerwäscher zum Millionär.

    Ein kluger Schuldirektor, der mit seinen Worten wohl genau den richtigen Ton getroffen hat. Sollte es häufiger geben.

Kommentar:

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