Gaswerk, schwarzer Weg und sooo viel Lust auf Süßes.Ich weiß nicht in welchem Jahr wir in diesen Ort zogen. Ich war auf jeden Fall höchstens 2 oder drei Jahre alt.
Meine Erinnerung beginnt erst richtig mit der Geburt meiner jüngsten Schwester, da ich nur noch weiß, das meine älteste Schwester und ich immer glaubten, unsere Eltern wären nicht unsere Eltern. Mein Vater kam 1947 oder 48 aus englischer Kriegsgefangenschaft und demnach ging es uns finanziell.
Aber wir hatten ein “Mensch ärgere Dich nicht” Spiel und mit diesen Figuren spielten wir alles, was uns bewegte, nach.

Ich erinnere mich an Sommer, in denen es kein Wasser gab, man mußte mit Eimern (meine älteste Schwester) und mit einer 5l Milchkanne (ich) Wasser an einem Wagen holen.
Ich erinnere mich an Winter, die einem die Kleider am Leib erfieren ließen, was nicht störte, Hauptsache wir durften bei jemandem mit schlittenfahren.
Ich erinnere mich an Sonntage, die den Namen verdienten, hell, sonnig und mit ganz tollen Kleidern, die unsere Mutter uns genäht hatte, aus sonnengelbem Organza mit Plisseevolants.
Wir spielten nachts im Bett mit imaginären Figuren, eine war die ganz Arme, die andere war ein reiches Kind.
Wir zogen sie an, wie es unseren Träumen entsprach und auch die Namen waren dementsprechend.

Das erste Lesematerial gab es, als meine jüngste Schwester geboren war und das war die Hör Zu. Darin gab es den Artikel “SUCHKIND 112″.
Natürlich wollte jede von uns am liebsten Martina, wie diese Kind, heißen.

Manchmal gab es sonntags im Sommer Limonade, rot oder grün.
Ich liebte die rote Himbeerlimonade und stellte mir vor, wenn ich einmal groß wäre, dürften meine Kinder ein ganze Flasche alleine leertrinken.

Wir spielten hinter dem Gaswerk, verstecken, nachlaufen, und bewunderten den Jungen des Direktors der Stadtwerke, der nicht nur ein Fahrrad, sondern auch Rollschuhe besaß. Dort spielten wir Doktor. Der Junge des Direktors ist heute Hals- Nasen- Ohrenarzt.

Wir fanden dort ein angebrochenes Päckchen Zigarretten, Rotfüchsel, die wir natürlich zu rauchen versuchten, es war uns kotzübel und erwischt wurden wir alle.

Im Winter war der “schwarze Weg” unser Schlittenparadies und wenn wir tagsüber mit dem Schlitten unsere jüngste Schwester umhergezogen hatten, durften wir abends dann noch 1 Stunde dort den kleinen Berg runtersausen.

Ich erinnere mich an Einkaufen auf “Pump” und es gab Rabattmarken. Am Ersten des Monats, wenn Vater Geld bekam, gingen wir in das kleine Lebensmittelgeschäft bezahlen und das Rabattmarkenbuch war voll und es gab eine ganze Tüte Himbeebonbons geschenkt, wobei ich meist diejenige war, die bezahlen ging und ich lernte verflixt schnell rechnen, wieviel Bonbons für jeden wären und wenn es nicht aufging, hatte ich die anderen unterwegs gegessen, bis mir schlecht war von dem vielen ungewohnten “Süß”.

Wir hatten Besuch und es gab richtigen Kaffe, der roch jedenfalls ganz anders, und die Frau, meine Mutter sagte, ich müsse Dame sagen, nahm sich drei Löffel Zucker in den Kaffee, was ich nicht ohne Kommentar so stehen lassen konnte. Es gab drei Tage Stubenarrest.

Wir durften den Hund, einen Irish Setter, einer Nachbarin spazieren führen und wir waren stolz, als ob er uns gehöre.

Wir hörten von der “grünen Grenze”, wo die Saaarländer zu Fuß ins “Reich” gingen, um dort Nescafe zu tauschen gegen Butter, und ich weiß nicht mehr, was Tausch- oder Begierde-Objekte waren.

Wir trugen in der Schule alle Kittelschürzen, mit Volants und Puffärmeln.
Wir hatten 8 Jahre lang ein- und denselben Lehrer, der mich nicht leiden konnte, und als gottseidank die 9. Klasse eingeführt wurde, bekamen wir den Direktor der Schule, der ein wunderbarer Pädagoge war, der mir innerhalb eines Jahres beibrachte, dass Lehrer nicht nur schlagen, sondern auch loben und einem Spaß am Lernen machen können. Somit war mein Zeugnis noch so gut, um danach etwas zu lernen.

Wir hatten einen evang. Pfarrer, der mich nicht mochte, da ich im 8. Monat zur Welt gekommen war, wie mir erzählt wurde, und ich notgetauft wurde in der Konfession meiner Mutter, die sich während des Krieges immer versteckt halten musste. Sie war Jüdin.
Dieser Pfarrer war bekannt dafür, dass er wie unbeabsichtigt jungen Mädchen an den Busen griff, das hatte ich gesehen, und was sonst erzählt wurde, konnte ich nicht glauben, wohl weil ich den Ausdruck dazu auch nicht verstand.

Ich erinnere mich an ganz viel Sonne und ganz viel Schnee und ganz viel Schläge, brutale Schläge, die heute die Eltern vor Gericht brächten.
Es war zuviel Streit zwischen ihnen, das Geld war zu knapp.
Ich wollte alles anders machen später und habe es auf hundert Umwegen und gefahrvollen Strecken auch geschafft. Eine Ehe, 2 Kinder, eine Scheidung aber dank meines Berufes trotzdem alleine dafür zu sorgen, dass aus meinen Kindern gute Menschen wurden mit guten Berufen.



Geburtsjahr: 1945

Aufgewachsen in: St. Wendel, Saarland

Bildquelle: Erinnerung

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2 Kommentare zu “Gaswerk, schwarzer Weg und sooo viel Lust auf Süßes.”

  1. Micasa meint:

    Das hört sich nach einer beschwerlichen Kindheit an, aus der die Kinder zu damaliger Zeit mit ihrem ureigenen Gemüt vermutlich das Beste draus gemacht haben. Es könnten die Erinnerungen meiner Mutter sein.

  2. princess meint:

    Reingeschnuppert…
    festgelesen…
    nochmal gelesen…
    ich liebe solche Erinnerungen.

Kommentar:

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