Sonntags tat sich das Paradies auf, soweit ich mich erinnere, war’s um zwei. Jedenfalls vor der verhassten Andacht, für die ich mein sauberzuhaltendes Sonntagskleid schon wieder anziehen musste und nochmal ab in die Kirche, aber das ist eine andere Geschichte, ich bin ja noch beim angenehmen Teil …

Zur Einstimmung in den folgenden Text bitte UNBEDINGT anschauen:



Wenn Ihr das etwa 25x abgespielt habt, dann hört das hier als Background und fangt jetzt endlich an zu lesen:





Endlich also Sonntag: Langsam, uuuunendlich laaaangsam öffneten sich die eisenbeschlagenen Türen der Augsburger Puppenkiste und erwartungsvoll vergnügt krähte ich das fröhlich unbekümmerte Lummerland-Liedchen mit, das sich zur uneingestandenen Hymne einer ganzen Generation entwickeln sollte. Na endlich, es war wieder soweit, dass meine geliebten Helden an ihren schimmernden Drähten über unseren Loewe-Opta neuen unerhörten Abenteuern entgegenzappelten, in schwarz-weiss versteht sich.

Aber immer ausgerechnet gerade dann, wenn es am schönsten, aufregendsten, spannendsten war,
wenn das Fräulein Sursula Pitschi abtauchte in ihren unterseeischen Königspalast, geschmückt mit Seesternen, und begleitet von zwei bis drei Seepferdchen,
die Wilde Dreizehn mit einem Fass voller Rum über den Zellophanozean gröhlend neuen Untaten entgegen segelte,
wenn gar vom Magnetberg bedrohliche Pappkugeln über die in der Dunkelheit tapfer pfeifende Emma stürzten,
der Scheiriese Herr Turtur zu meinem maßlosen Erstaunen näherkommend in bedeutungsloser Winzigkeit versank,
wenn der Halbdrache Nepomuk feuerschnaufend und greinend ob des Unglücks über seine rassisch zweifelhafte Abstammung als Halbdrache vergebens Furcht und Schrecken zu verbreiten suchte,
ja wenn gar die schreckliche Frau Malzahn meinem Fräulein Schmitz bedenklich ähnelnd die Kinder in ihrer Klasse terrorisierte und das Drama und ich mit ihm seinem unerträglich spannungsgeladenen Höhepunkt entgegenfieberte,
dann, genau dann auf dem Siedepunkt der fädengesteuerten Katharsis schloss sich gnadenlos bis zum endlos fernen nächsten Sonntag die Tür meines Paradieses hinter dem weinroten Samtvorhang wieder für eine sich zäh dahinschleppende Woche,
die mir mit ebenso sinnlosen wie unverständlichen Regeln der Gross- und Kleinschreibung,
sowie des Kathechismus nebst der deutschen Mittelgebirge gründlich vergällt wurde,
bis auch endlich die Beichte am Samstag, gefolgt von den zur Strafe auferlegten GegrüßetseistduMaria, bei besonders schlimmen Untaten sogar einiger ebenso halblebig dahergebrabbelter Vaterunser, der Kindermesse um 9 Uhr und dem anschließenden Mittagessen, kurz und gut:
ich die ganze geballte Erziehungsschikane der Erwachsenenwelt überleben musste,
bis es endlich, endlich wieder hieß:



Blechbüchsenarmee - MyVideo



Geburtsjahr: 1951

Aufgewachsen in: Bergisches Land

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Ein Kommentar zu “Ein Paradies mit Namen Lummerland”

  1. Micasa meint:

    Witzig geschrieben. Gefällt mir. Ich stand zu meiner Zeit zwar mehr auf Lassie und Flipper, aber die Augsburger Puppenkiste ist mir auch noch sehr vertraut. Schön, dass sowohl Urmel als auch Ping mit seiner Mupfel einen Sprachfehler hatten. Das hielt zu Hause dann als Argument her, dass die sogar im Fernsehen ihre Probleme mit der Aussprache hatten.

Kommentar:

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